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Wetter: Lieferung: fehlgeschlagen 

Zumindest dachte ich mir das, als ich Freitag den Blick aus dem Fenster gewagt habe. Auf meiner Bestellliste stand garantiert Frühjahrs- bis Sommerwetter, aber nicht das, was sich hier zuletzt zeigte. Jedoch ist das alles besser, als sich im Keller aufzuhalten. Aber mehr in diesem Artikel. 

 

Matty und ich gehen seit einigen Jahren mehrmals in der Woche spazieren. Einst waren wir Schönwetterspaziergänger, irgendwann hat sich das geändert. Dieses Jahr waren wir schon bei Sturm draußen – und jetzt auch im Schnee. Ich möchte nun nicht urteilen, wer von uns beiden den besseren Schneemann abgegeben hat, aber mit einem Osterhasen konnten wir beide nicht verwechselt werden. Wirklich nicht. Außerdem habe ich die Teekanne wieder aus den Tiefen des Regals gefischt, was ein sicheres Zeichen dafür ist, dass mir zu kalt ist. 

 

»Hunnytown today«

 

Was gibt es Neues aus Hunnytown? Bald öffnet die Stadt für euch wieder ihre Pforten und ich kann euch verraten, dass es tatsächlich mal zuckersüß wird. Natürlich nur zwischen all dem Chaos und den sonstigen Problemen, aber in Damian hab ich mich selbst beinahe schockverliebt. Von dem sage ich euch an dieser Stelle allerdings nichts, er ist schüchtern und traut sich nicht in ein Sonntagshäppchen. Welches übrigens der Anfang von Hunnytown2 ist, euch aber zumindest ein wenig beruhigen sollte. Wenn, ja, erst wenn (das wurde schon von jemandem getestet) die Szene bis zum Schluss gelesen wird. Sonst habt ihr Pech. 

 

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»Sie haben ihn. Sie haben Caleb!« 

Die Worte hallten noch in seinen Ohren wider, kurz unterbrochen von dem schier unheimlich lauten Poltern seines Handys, als es aus seinen Fingern glitt und zu Boden fiel. Vor ihm, auf der Küchentheke stand die Schatulle, die sich in dem unschuldig wirkenden Päckchen befunden hatte. So wirkte sie: unschuldig, zierlich, als könne sie nichts Schlimmes beinhalten. Doch war der Inhalt alles, nur nicht unschuldig. 

Schon zu Zeiten seines Militärdienstes hatte Nick die Farbe Rot fasziniert. Damals, lange war es her, war es eine ebenso plakativ unschuldige Faszination gewesen, wie sie der Schatulle innewohnte. Ein Teil seines Hirns gab sich dieser Faszination erneut hin, während ein anderer Teil in ihm panisch aufschrie. Dennoch, die leichten Sprenkel, die sich auf dem weißen Stoff ausbreiteten, die schwimmend, doch klaren Formen, die unter dem Objekt lagen, riefen förmlich danach, bewundert zu werden. 

Dies alles traf jedoch nicht auf das Objekt zu. Der fahle Finger inmitten all des in Rot getränkten Stoffes zerstörte jede Ästhetik, jede Faszination. Er troff vor Gewalt. Gewalt, die nicht an irgendwem verübt worden war, sondern an seinem Caleb.

Das Objekt war nichts anderes, als ein Finger. Ein kleiner Finger der rechten Hand, wie ihm sein Hirn nutzlos zuraunte. Nick streckte eine zitternde Hand aus und wollte das Zeugnis des Grauens hochheben, doch konnte er sich nicht überwinden. Was, wenn er ihn zerstörte? Wieder war es sein Hirn, welches ihm erklärte, dass der Finger auf Eis gehörte, wenn er noch gerettet werden sollte. Aber bedeutete das nicht, dass er ihn anfassen müsste? Was würde geschehen, wenn er ihn versehentlich zerbrach? So, wie der Körperteil in der zierlichen Schatulle lag, wirkte er beinahe wie ein bereits rissiges rohes Ei, welches im nächsten Moment bersten könnte. 

Er entschied sich für das einzig Richtige. Statt den Finger aus der Schatulle zu nehmen, schloss er diese unheimlich sachte und stellte das gesamte Konstrukt in den Gefrierschrank. Das musste auch reichen, immerhin würde er den Finger so nicht unnötig kontaminieren, nicht wahr? 

 Seine Unruhe, nein, seine Panik, ließ sich nicht so schnell tiefkühlen, wie der Finger. War er nicht ausgebildet worden, um in Stresssituationen ruhig zu bleiben? Beinahe hätte er höhnisch aufgelacht, denn kein Dienst bereitete einen ernsthaft darauf vor, Angehörige in Gefahr zu wissen. Militärdienste waren darauf angelegt, in anderen Gebieten Unruhe – manche nannten es Frieden – zu stiften, doch niemand bereitete einen darauf vor, mitunter einen Bekannten auf der anderen Seite des Gewehrlaufs zu haben. 

Und so, wie seine Ausbildung ein Schulungsprogramm für diese Fälle, wie den heutigen Tag, vermissen ließ, ertappte sich Nick dabei, vor dem Gefrierfach auf und ab zu gehen, als würde seine bloße Anwesenheit eine Verbindung zwischen ihm, dem Schandfleck im Gefrierschrank und Caleb herstellen. Seine Gedanken drehten sich im Kreis und fuhren Achterbahn. Wo könnte Caleb sein? Natürlich war er ein Gefangener – etwas anderes wollte er sich nicht einmal im tiefsten Inneren eingestehen. Obwohl, und hier kam ihm seine Vergangenheit wieder in die Quere, er wusste, dass so manche ›Beweise‹ nur ausgehändigt wurden, damit der Empfänger später die Leiche fand. 

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Überlegungen. Waren es Überlegungen oder doch eher finstere Gedankenspiralen, die ihn an Orte brachten, die er niemals besuchen wollte? Es dauerte und brauchte mehrere Wiederholungen, bis er das Geräusch als Türklingel erkannte. Türklingel. Stimmt, er hatte Tyler angerufen und hergebeten. Dies allein schien ihm so weit entfernt zu sein, dass selbst sein Smartphone auf dem Küchenboden kaum eine Verbindung zwischen dem Anruf und der Türklingel herstellen konnte. Dennoch schafft er es, sich zur Tür zu bewegen und zu öffnen.

Tyler, der Pfarrer, wirkte ebenfalls recht mitgenommen, als er nur mit einem Nicken eintrat. Wie auch er hatte er beim Osterfest etliche Gläser geleert, doch schockierende Botschaften hatten eine unheimlich ausnüchternde Wirkung auf den Geist, nicht aber aufs Erscheinungsbild. 

»Was ist passiert?«

Die drei Worte wirkten in der Stille des Hauses so laut, als hätte Tyler sie geschrien. Doch, so war sich Nick sicher, hatte er sie leise gesprochen.

»Ein Päckchen, komm«, murmelte er und lief schnurstracks zurück in die Küche. Er musste seinem Smartphone auf dem Boden ausweichen, um nicht darauf zu treten, doch auf die Idee, es aufzuheben, kam er nicht. Dies erledigte Tyler hinter ihm für ihn und legte das Gerät auf die Arbeitsplatte. 

Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass Tyler zwar das Geschenkpapier und die Schleife in der Küche entdecken konnte, nicht aber den Inhalt. Als würde ihm jeder Schritt Schmerzen bereiten, ging er auf den Gefrierschrank zu, öffnete die Tür und holte die Schatulle heraus. Ab nun handelte er urplötzlich schnell. Um zu vermeiden, dass der Finger warm wurde – welch grotesker Gedanke, immerhin waren Finger warm –, stellte er das Kästchen auf die Theke, öffnete sie und winkte mit der Hand in Tylers Richtung. 

»Das lag vor unserer Haustür.«

Zu seinem Entsetzen beugte sich Tyler fast seelenruhig über das Objekt des Grauens. Mit einer Faszination, die Nick eher mit seinen kurzen Begegnungen mit forensischen Entomologen in Verbindung brachte, betrachtete der Pfarrer die Schatulle aus allen Blickwinkeln. Schließlich streckte er die Hand aus, doch nicht, um den Finger abzutasten, sondern um ein wenig Blut vom Stoff abzukratzen. 

»Hey!«, rief Nick. 

Tyler ließ sich nicht beirren, sondern roch kurz am Finger, bis er das Blut von seinem Nagel abschleckte. Erst dann hob er den Finger an, hielt ihn in das Licht der Küchenlampe, drückte, presste, schabte mit dem Fingernagel über die Haut und wandte sich wieder Nick zu. 

»Tomatensoße und Wachsfinger. Das ist nicht echt.«

 

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Nein, ich habe Tyler nicht gefragt, woher er Erfahrungen mit Wachsfingern in Tomatensoße hat. Manche Dinge soll der Pfarrer für sich behalten. Vielleicht ist er auch nur ein Fan von Wachsfigurenkabinetten. Das darf er gerne sein, ich will das nicht wissen. Ich habe panische Angst vor Puppen und Wachsfiguren und würde so ein Kabinett nicht einmal betreten, wenn am Ausgang eine Wagenladung voller Geld auf mich wartet. 

 

 

Und sonst? 

 

Die letzten Wochen war ich hier relativ ruhig. Irgendwie fehlten mir die Worte bei all diesem Irrsinn, den die Menschheit mal wieder ausspuckt. Jetzt geht es wieder, wobei mich daran mehr erschreckt, wie schnell man diesen Irrsinn als neue Realität anerkennt. 

 

Ansonsten gab es ein kleines Missgeschick namens »technischer Fehler« bei großen A, weshalb »Legenden der Zeit – Liebe im Sekundentakt« kurzerhand storniert war. Das Buch ist neu oben, allerdings müsst ihr, wenn ihr mögt, noch einmal auf die Vorbestellung klicken. Den Link findet ihr hier

Den technischen Fehler hätte ich mir wohl ersparen können, hätte ich nicht darum gebeten, alle Vorbestellungen aus Select zu nehmen. Ein Fehler, der mir nicht noch einmal passiert. In der Vorbestellung wird nichts angeklickt. 

 

Im Mai geht es dann auch mit der ersten Testleser-Phase los. Wer sich bislang noch nicht gemeldet, aber den Newsletter gelesen hat, der hat noch kurz Chance. Ein Platz wäre noch frei (A. fühle dich nicht angesprochen, du bist dabei). 

 

So, ich verschwinde zurück in meine Korrekturhölle und steige auf zuckerfreie Getränke um. Die zuckersüßen Szenen kommen nun. 

 

Bis dann, 

 

Ash