Nicht korrigierte Leseprobe

 

Flucht ins Leben

 

- Prolog -

15 Jahre zuvor

 

Er fühlte kalten, feuchten Stein unter seinen kleinen Händen. Seine Knie schabten über den Boden; seine Hose hing längst in Fetzen von seinen zu dürren Beinen. Es war stockdunkel. Irgendwo erklang ein leises Tropfen. 

 

Plopp. 

Plopp. 

Plopp. 

 

Durch die Mauern hörte er sie. Die Menschen, die dafür bezahlten, mit ihnen hier zu machen, was auch immer sie wollten. Mit den Frauen. Den Männern. Zahlten sie nur genug, blieben auch sie nicht verschont. Die Kinder. Es gab einige von ihnen hier unten. Meist wurden sie hier geboren, andere kamen mit Müttern hierhin.

 

Er musste leise sein. Vorsichtig schob er sich weiter über den Boden, so tief in den zugemauerten Schacht unter dem vergitterten Kellerfenster hinein, wie es nur ging. Das hier war sein Versteck, hier blieb er und hoffte, seine Mutter würde bald zurückkommen. Es war sie gewesen, die diesen Raum tief im Keller gefunden hatte. Hier hatte sie ihn versteckt, als er noch zu jung, zu wertlos war. Und hier hockte er, wartete, hoffte, flehte und ballte die Hände zu Fäusten, bis sie zurückkam. Dass sie zurückkam.

 

Die Fäuste vor die Augen gedrückt, versuchte er, die Geräusche aus dem Haus zu ignorieren. Das Wasser half. Stetig tropfte es, ploppte vor sich hin, bewies ihm, dass Zeit verging, wenn er sie auch nicht einschätzen konnte. Er wusste, die Tropfen ergaben einen Rhythmus, konnten die vergangene Zeit verraten, doch ob es nun Sekunden, Minuten oder Jahre waren, das wusste er nicht. Alles war eins oder gar nichts. Seine Mutter hatte ihm ein wenig Zählen gelehrt und er hatte versucht, die Tropfen zu zählen, doch schon nach wenigen Plopps war er durcheinander gekommen. Seitdem ließ er es und lauschte. Konzentrierte sich auf das Geräusch und stellte sich vor, dass das Wasser sich langsam und leise einen Weg hinaus bahnte. 

 

Seine Mutter hatte ihm auch davon erzählt. Sie war schlau, für ihn jedenfalls. Wasser bahnte sich den Weg durch Stein, Fels und Erde. Ein stetiger Tropfen höhlt den Stein. Das sagte sie immer und er, hier, tief in seinem dunklen und feuchten Versteck inmitten einer Welt, die er nie gesehen hatte, die er nicht kannte und die nichts von ihm und den anderen hier wusste, glaubte er daran. Woran sonst sollte er auch glauben, als daran, dass er mit seiner Mutter eines Tages nur dem Tropfen würde folgen müssen, um die Welt dort draußen zu erleben? 

 

Er presste die Hände noch fester zusammen und vor seine Augen. Das durfte er nicht denken. Ihm war klar, dass die Männer dort oben logen, wenn sie sagten, die Welt wäre nicht für Abschaum wie ihn gemacht. Seine Mum sagte ihm immer wieder, nicht darauf zu hören. 

 

Wirklich verstehen konnte er es nicht. Er kannte nur das hier. Es war falsch, denn seine Mutter war anders als die Männer, die kamen. Andere, ihresgleichen, waren gemein zu ihm und seiner Mutter. Das mochte er gar nicht, denn sollten sie nicht alle zusammenhalten, wenn die Männer wieder Geld bezahlten? Doch seine Mutter war nicht von hier, wie andere. Oder wie er. Sie kannte die Welt oben. Er nicht. 

 

Manchmal dachte er daran, dem Wasser zu folgen. Er war klein, sicher passte er durch die Nischen und Risse? Sein Gedanke scheiterte daran, dort oben zu sein, seine Mutter aber nicht. Sie konnte sich nicht in die Nischen quetschen. Wer würde auf sie aufpassen, wenn er nicht mehr da wäre? 

 

Zu dem Tropfen im Hintergrund mischten sich stampfende Geräusche. Schritte auf der Treppe, hinab in den Keller. Selbst für ihn klangen sie nicht passend, sie wechselten sich nicht mit dem »Plopp« ab, sie vermischten sich damit, übertönten es. Sie kamen näher. 

 

Die Tür öffnete sich. Das Licht des Flurs blendete ihn, doch die Gestalt war zu groß, um zu seiner Mutter zu gehören. 

 

»Komm raus, Junge, heute ist dein Glückstag. Jemand will dich.«