Nicht korrigierte Leseprobe

Verloren - Im Sog der Gwathin

Kapitel 3 - Der in den Schatten

 

›Feuer, Feuer, heiß und hell. Es erwärmt, es erhellt, es erzürnt. Und ist es vergangen, bedeckt Asche das Feld. Unter Schnee und Eis die Asche versinkt, im Frühjahr dann neues Leben beginnt.‹ 

War es nicht merkwürdig, dass ihm ausgerechnet jetzt die Strophe aus dem alten Lied einfiel? Wie lange hatte er diese Worte nicht mehr vernommen? Und doch, es passte zu der jetzigen Situation. Vor ihm breitete sich ein Schauspiel aus, das ihn mit tiefer Genugtuung erfüllte, wenn auch Leben hier ihr Ende fanden und keine Hoffnung auf das einsame Samenkorn bestand, das bald schon austreiben würde. 

Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. War es nicht wunderschön? Das Chaos, die Schreie, die die Nacht durchdrangen. Was ihn jedoch vielmehr verzückte, war das Feuer. Es hob sich hart von der finsteren Nacht ab, züngelte an den hölzernen Fassaden des Hauses, umspielte die großen Säulen, die den Balkon über der Veranda stützen. Erstaunlich, welche Pracht aus alten Glasflaschen entstehen konnte. Die Sterblichen hielten sie für Abfall, er bezeichnete sie als gläserne Wunder.  

Zuerst waren es nur zwei kleine Brandherde gewesen. Mit geübten Würfen durch die Fenster des Hauses geworfen, hatten es die Molotowcocktails vollbracht, dieses Schauspiel heraufzubeschwören. Rasch fanden die Brandbomben Nahrung im Inneren des Hauses und die Flammen breiteten sich aus. Mittlerweile könnte er, wüsste er nicht, wo die ersten Brandflaschen eingeschlagen waren, nicht einmal mehr sagen, wo die Brände ausgebrochen waren. Der hintere Teil des großen Farmhauses brannte lichterloh. Die nicht von Steinen und Geschossen zerschlagenen Fenster waren längst in der Hitze geborsten. Das war der Augenblick gewesen, der ihn wirklich begeistert hatte. Kaum waren die gläsernen Barrieren gefallen, suchten die Flammen nach Sauerstoff. In ihrem Bestreben, sich auszubreiten, leckten sie aus den Fenstern, griffen in die Höhe und fraßen sich an der weiß gestrichenen Holzfassade des Hauses entlang nach oben.  

Im vorderen Teil des Hauses sah es nicht besser aus. Im Gegenteil, hier trieb das Feuer ein perfides Spiel und wanderte förmlich ins Obergeschoss hinauf. Zugegeben, eine weitere Brandbombe, die das Treppenfenster getroffen hatte, half den Flammen bei ihrem Übergriff. Nun hielt es längst die Vorhänge und Wandteppiche in seinem Griff und breitete sich auf das gesamte Haus aus.  

Er lehnte sich mit der Schulter gegen den Baum, der dicht dem Waldrand stand. Er hatte die beste Position gewählt. Die kleineren Feuer im Garten brachten genügend Helligkeit und würden jeden blenden, der vom Haus zum Waldrand herüber sah. Von Kopf bis Fuß in schwarze Kleidung gehüllt, die große Kapuze seiner Jacke tief ins Gesicht gezogen, verschmolz er fast mit der dunklen Rinde des Baumes. Niemand würde ihn erblicken, er jedoch konnte selbst kleinste Details ausmachen.  

Wie jetzt gerade. Schmerzerfüllte Schreie zogen seine Aufmerksamkeit zu einem sich bewegenden Schatten, der aus dem Fenster des Obergeschosses stürzte. Sein Lächeln wurde breiter, als er die lodernde Kleidung des Schattens erkannte, der sich wild auf dem Rasen wälzte. Wie schade, dass die jungen Vampire Feuer kaum etwas entgegenzusetzen hatten. Die Flammen würden sich bei ihm Napalm gleich durch die Kleidung fressen, die Haut treffen und sich durch sie hindurch arbeiten. Die älteren Vampire dieses Hauses würden den Flammen nicht zum Opfer fallen. Sie würden verletzt, vielleicht schafften seine Söldner es, einige von ihnen zu töten. Doch sollten sie ruhig leben. Diese Nacht würden sie so schnell nicht mehr vergessen. 

 »Herr?« 

Für etliche Atemzüge ignorierte er die Person an seiner Seite, während er seinen Blick auf das Haus gerichtet hielt. Er hatte das Kommen des Vampirs gespürt, bevor dieser auch nur bei ihm stehen geblieben war. Geduld, Demut und Gehorsam waren die Tugenden, die er von jedem in seiner Umgebung erwartete.  

»Sieh sie dir an. Geben sie sich sonst herrisch und arrogant, stürzen sie nun übereinander wie aufgescheuchte Karnickel.«

»Herr, hinter dem Haus gibt es Kämpfe. Sollen wir die Sterblichen unterstützen? Ich fürchte, sie werden unterliegen.«

Jetzt erst wandte er sich dem Vampir zu und musterte ihn. Etwas, was seinem Gegenüber nicht möglich war, so tief war sein eigenes Gesicht in Schatten gehüllt. Der Vampir, Rocic, wenn er sich nicht irrte, war eine kleine stämmige und aufgedunsene Kreatur. Offen gestanden ekelte es ihn, wann immer sich Rocic in seiner Nähe aufhielt. Dessen Kleidung war speckig, das Haar fettig und von ihm ging ein Geruch aus, der keinem Vampir, sondern nur wenigen des sterblichen Abschaums anhaften sollte.  

»Wie es der Plan ist«, gab er endlich eine Antwort, nur, um im nächsten Moment eine unwirsche Bewegung mit der Hand auszuführen. »Die Söldner sollen sterben. Überlebt eine der Kreaturen, tötet ihr sie.« 

»Sie sind auf unserer Seite. Ich dachte ...« 

»Es sind erbärmliche Sterbliche, die für uns arbeiten. Nicht mehr. Befehlige deine Männer, töte die überlebenden Söldner und zieht euch zurück.«

Unter seiner Kapuze beobachtete er, wie Rocic ihn musterte. Er konnte förmlich spüren, wie die langsamen Zellen in dessen Gehirnwindungen Fahrt aufnahmen und seine Worte zu begreifen versuchten. Was offenbar nicht gelang, denn er öffnete schon wieder den Mund.  

»Wir zahlen die Söldner. Einige meiner Männer sind nicht erfahren genug, um es mit den Clanvampiren aufzunehmen. Wir brauchen die Sterblichen«

Er widerstand dem Drang, den Dolch aus seinem Ärmel zu ziehen, um Rocics Visage ein neues Antlitz zu verpassen, nur mühsam. Er wandte sich wieder dem brennenden Haus zu und betrachtete die Szenerie. Mittlerweile leckten die Flammen ausgestreckten Armen gleich aus dem Dachstuhl und die rechte Hausseite wirkte, als wolle sie jeden Augenblick einstürzen. Die Gartenanlage war verwüstet, der einst prächtige Brunnen, der die Auffahrt zierte, lag in Trümmern. Tote, Verletzte und brennende Gestalten lagen auf dem Rasen oder gingen in Kämpfen zu Boden. Ihre Aufgabe war beendet. 

»Tötet die restlichen Söldner und verschwindet. Um den Rest kümmere ich mich.« 

Endlich nickte Rocic und setzte sich in Bewegung. Er betrachtete dessen Abgang. In wenigen Minuten würde von ihrem Angriff nicht mehr übrig sein, als eine Spur der Verwüstung. Erfreut schob er seine Hände in die Jackentaschen, lehnte sich lässig zurück an den Baum, um sich erneut dem tosenden Schauspiel hinzugeben. In seinem Kopf hörte er nicht nur die Schreie, das Rauschen der Flammen und das Zerbersten von Holz. Nein, er vernahm beinahe den Applaus des unsichtbaren Publikums, das dem Stück durch seine Augen beiwohnte.  

Nur noch wenige Minuten blieben ihm, bis auch er sich zurückziehen musste. In der Tat, ihre Aufgabe hier war beendet und mit ihr unzählige andere in der ganzen Welt.  

»Euer Wort, Euer Befehl«, flüsterte er, schloss die Augen und sog die kalte Nachtluft tief in seine Lunge. Er hustete nicht ob des stechenden Rauches, ihn kümmerte der beißende Gestank nicht. Mit der rechten Hand umfasste er in der Jackentasche einen kleinen Stoffbeutel. Er zog die Hand heraus, öffnete mit geschlossenen Augen den Beutel und ließ den Inhalt zu Boden fallen.  

»Gwathi á ninrach tu.« 

Das Feuer vor ihm gewann ein letztes Mal an Intensität, fauchte in der kühlen Luft und verlor dann seine Kraft. Die noch lebenden Sterblichen fielen mit dem Ersterben des Feuers zu Boden, krümmten sich vor quälendem Schmerz und blieben regungslos liegen.  

»Mit einem Gruß des Königs.« Er führte eine knappe Verbeugung aus und verschwand in der Dunkelheit. 

 

 

 

Verloren - Im Sog der Gwathin

 Kapitel 4 - Die Vergangenheit erwacht

 

 

Der Wind peitschte über die Hochebenen Schottlands. Wolken, so tief, dass sie das zum Herbst hin bleich gewordene Gras fast zu berühren schienen, verdunkelten den Himmel und entluden sich in einem nicht enden wollenden Regen. Mächtige Blitze zuckten Götterfingern gleich über den grauen, sich in der Abenddämmerung beständig verdunkelnden Horizont. Die alten Mauern des Hauses erbebten schier unter dem grollenden Donner. 

Vinyan stützte sich mit den Händen auf die Fensterbank und sah hinaus. An Tagen wie diesen verstand er, weshalb die antiken Völker glaubten, sie hätten die Götter erzürnt. Wieder zuckte ein Blitz über den Himmel. Gezackt, doch gerade auslaufend, schlug er in nicht weiter Entfernung in den Boden. Die folgende Explosion wirkte gar wie ein warnender Fingerzeig. Eine Warnung, ihm gegenüber ausgesprochen. Hätten sich die Götter an ihn gewandt, sie hätten den rechten Weg befolgt. Es war Zeit, Zeit, eine Entscheidung zu treffen. 

Tief unter den Gemäuern der Festung, eingesperrt in eines der dunkelsten Verliese, wartete jemand auf ihn. Über Jahre hinweg hatte er ihn beobachtet, seine Gesten studiert, erforscht, wie er sich seinesgleichen gegenüber verhielt. Er hatte ihn in seinem täglichen Umfeld überwacht, jede Einzelheit seines Lebens begutachtet, bis er sich sicher gewesen war. Er, diese Gestalt, die in jeder Lebenslage eine Anmut bewies, dass Beobachter vor Neid erblassten, war die richtige Person.  

Vinyan erinnerte sich noch genau. Eines Abends war er zu ihm gegangen, hatte an seine Tür geklopft und sich zu erkennen gegeben. Er hatte ihn vor die Wahl gestellt, ihm eine Zukunft präsentiert, die niemals enden würde. Gewiss, im Anblick des Todes hatte er eingewilligt. Von diesem Tag an war Adam an seiner Seite gewesen, hatte gelernt, was ein unsterbliches Dasein neben einem der Fünf bedeutete. 

Doch mit dem unendlichen Leben verließ viele nicht allein die Furcht vor dem Tode. Eine nie enden wollende Existenz erfordert Verantwortung, Geschick und einen erlesenen Umgang mit der Macht. Oh, Adam hatte seine Position geschätzt. Neben ihm besaß er von seinem ersten Tag an eine hohe Stellung, brauchte nur die wenigsten der älteren Gwathin fürchten. Kaum jemand wagte sich, das Wort gegen ihn zu erheben.  

Lange Zeit war Vinyan sich sicher gewesen, dass Adam seinen Platz in einem der fünf Häuser einnehmen konnte. Er selbst hätte sich endlich zurückziehen, die Ruhe abseits der Verantwortung genießen und die Macht jemand anderem überlassen können.  

Dennoch, es ist die Macht, die einst helle Seelen verdunkelt. Wie ein übermütiges Insekt frisst sie sich in den Geist, setzt sich fest und breitet sich aus wie ein tödliches Geschwür. Nur wenige wissen mit den Verpflichtungen als Führer eines unsterblichen Volkes zurechtzukommen. Täglich Härte zu beweisen, keine Schwächen zuzulassen und stets ein offenes Ohr zu haben. Die Position setzt voraus, die Sterblichen und Unsterblichen gleichermaßen in Schach zu halten.  

Adam konnte diese Gratwanderung nicht bewältigen. Sein sonst wacher Verstand, seine klugen Augen, seine gewählten Gesten - nichts dergleichen half ihm bei dieser Aufgabe. Noch bevor er das Volk Adam anvertrauen konnte, hatte sich dieser von dem Weg der Gwathin abgewandt und seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen versucht. Ein Haus allein hatte ihm nicht genügt, noch heute wollte er mehr.  

In den ersten Monaten hatte Vinyan zugesehen, gehofft, dass Adam seine Fehler selbst sehen würde. Doch hatte er sich geirrt. Gefangen im Sog der Macht trieb Adam unweigerlich auf sein Ende zu. Unruhe erregte die einzelnen Häuser, die niederen Vampire erhoben die Hand im Kampf und beinahe wäre der erste große Krieg entbrannt, hätte Vinyan nicht eingegriffen und sie alle zur Ruhe ermahnt.  

»Mein Herr, es ist Zeit.« 

 Die Stimme an der Tür riss Vinyan aus seinen Gedanken und er wandte sich dem Vampir zu, der an der Tür stand und ihn mit den flackernden Augen eines unsicheren Jünglings beobachtete.  

»Ich komme.« In der Tat, es war an der Zeit. Nun war er es, der Verantwortung übernehmen musste. Der die Worte sprechen sollte, die ein jeder von ihnen fürchtete. Dennoch konnte er das Urteil nicht weiter aufschieben. Adam, sein Sohn, so korrumpiert er mittlerweile auch war, hatte eine Entscheidung verdient. Und wenn sie seinen endgültigen Tod bedeutete.  

Begleitet von einem wütenden Donnergrollen und mehreren aufflackernden Blitzen hintereinander, trat Vinyan vom Fenster fort und verließ seine Gemächer. Die Gänge der alten Festung waren nur spärlich erhellt, die Fackeln in den eisernen Fassungen vermochten die Dunkelheit kaum zu durchdringen. Einzig das grelle Licht der beständig am Himmel zuckenden Blitze, das durch die Fenster und Wachöffnungen drang, ließ die Schatten in den Nischen und Furchen der Mauern für wenige Sekunden weichen.  

Auf dem Weg hinab in die Verliese bemerkte er die Vampire, die rasch beiseitetraten und ehrfurchtsvoll die Köpfe neigten, nur am Rande. Die Treppe hinunter in die Unterwelt, wie Vinyan diesen Teil des Hauses gerne betitelte, war schmal und uneben. Keine Meister der Steinmetzkunst hatten Hand an die Mauern gelegt, niemand hatte die Steine in säuberliche Stufen geschlagen. Obwohl er mehr Jahrzehnte hier lebte, als er selbst benennen konnte, musste Vinyan seine Füße vorsichtig auf die unebenen Stufen setzen, um nicht auszurutschen. Unter den belebten Gemäuern war das Licht noch dämmriger, sodass Vinyan eine der Fackeln aus ihrer Halterung nahm und vor sich hielt. Er brauchte es nicht, um sich zurechtzufinden. Doch als gebürtiger Gwath hegte er eine beständige Liebe zu Feuer und schätzte die Wärme, die von der Flamme ausging. Zudem vermittelte ihm die Fackel Sicherheit. Er konnte sich an ihr festhalten, wenn er die Worte aussprach, wegen denen er so lange gezögert hatte.  

Das Verlies, in dem Adam auf sein Urteil wartete, lag am Ende eines langen, sich windenden und in weitere Richtungen abzweigenden Ganges. Als Vinyan vor die schmiedeeiserne Tür trat und diese öffnete, erhob sich der Gefangene. Trotz der kargen Unterbringung, des verfaulten und durchnässten Strohs auf dem Boden, den feuchten Wänden und des langen Blutverzichts stand Adam mit einer Grazilität auf, die Vinyan verblüffte.  

»Bist du gekommen, um mich zu töten?« 

Adams Worte waren leise. Fein gesprochen, sauber artikuliert. Vinyan wusste, welchen Hunger der Gwathin, den er vor wenigen Wochen noch seinen Sohn genannt hatte, erlitt. Selbst das mächtige Blut, das in Adams Adern floss, konnte den Blutverzicht nicht abschwächen. Und wieder war es Adams Gestik, seine Anmut und seine Kraft, die Vinyan erstaunte. Dass sich der Gwathin nicht gleich auf ihn stürzte, dass er den tiefroten Schimmer in seinen Augen unterdrücken und den Blutdurst im Zaum halten konnte, zollte von absoluter Selbstbeherrschung.   

»Ja, ich bin gekommen«, antwortete Vinyan und lehnte sich gegen den schmiedeeisernen Türrahmen der Zelle. »Doch bin ich nicht hier, um dich zu töten. Es steht mir nicht zu, ein weiteres Mal über dein Schicksal zu entscheiden. Ich habe dich ausgewählt, geglaubt, dich einschätzen zu können. Ich habe mich in dir geirrt und du hast unser Volk gegeneinander aufgebracht. Der König ist nicht gut gestimmt.« 

Erst bei seinem letzten Satz konnte Vinyan in Adams Antlitz etwas wie ein Zögern ausmachen. Für einen kurzen Augenblick fiel die Fassade seiner Selbstbeherrschtheit. Dann fing sich Adam wieder, strich seine schulterlangen, schwarzen Haare zurück und trat einen Schritt auf ihn zu.  

»Wieder bist du zu schwach, deine eigenen Gedanken in Taten umzusetzen. Weißt du, Vater, das ist dein Makel. Dass du nicht die Fähigkeit besitzt, durchzugreifen.« 

Nicht zum ersten Mal vernahm er diese Worte aus dem Mund seines Zöglings. Heute jedoch schnitten sie wie Peitschenhiebe in seine Seele.  

»Deine Meinung steht dir zu. Es steht dir indes nicht zu, die Entscheidung des Königs infrage zu stellen. Er ist es, der über dein Schicksal entschieden hat.« 

Vinyan umklammerte den Griff der Fackel so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervorstachen, als er sich von der Tür abstieß und tiefer in die Zelle trat, Adam dabei stets vor sich haltend. Nur mit Mühe brachte er seine Finger dazu, das Holz freizugeben und legte die Fackel in das Stroh. Feucht, wie es war, qualmte es erst, bevor es endlich Feuer fing. Adams Antlitz wurde noch bleicher. Ein trauriges Lächeln stahl sich auf Vinyans Gesicht, als er wieder zur Tür zurückglitt. Sein Sohn hatte verstanden.  

»Knie nieder«, befahl er. Als Adam nicht sogleich reagierte, brachte er ihn zu Fall. Umso älter die Gwathin, und auch die niederen Vampire wurden, desto stärker wurden ihre Kräfte. Vinyan, als einer der Fünf, brauchte sich nicht einmal sonderlich konzentrieren, um einen Vampir am anderen Ende der Stadt per Gedankenkraft in Stücke zu reißen.  

»Das wagst du dich nicht.« Adam keuchte und konnte sich gerade noch mit den Händen auf dem dreckigen Boden abstützen, bevor seine Stirn auf dem Boden aufschlug.  

»Mir bleibt keine Wahl.« Vinyan hörte das in seiner Stimme mitschwingende Bedauern. Nicht unbedingt ob der soeben ausgeübten Macht, nein, ob seiner Entscheidung. Vor ihm breitete sich das Feuer aus, reckte sich empor. Die Flammen jedoch nicht beständig. In der Mitte des Feuers bildete sich ein kleiner dunkler Fleck, der sich nach und nach weiter ausbreitete. Der Fleck wuchs empor, wurde zu einem Schatten, der langsam Form annahm und nach Adam zu greifen schien.  

»Mein Herr«, begrüßte Vinyan den Gwath, als dieser an Gestalt gewann und sich aus dem Feuer löste. Noch immer war er schattenähnlich, doch wurde die vage Ahnung einer Person von Sekunde zu Sekunde deutlicher. »Ich übergebe Euch den Verräter.« Einst hatte Vinyan ihn mit Namen angesprochen, heute jedoch wagte er nicht, diesen auszusprechen.  

Für einen Augenblick schien der Schatten wieder zu schrumpfen, bis er schließlich ganz aus dem Feuer heraustrat und vor Adam zu einer festen Gestalt wurde. Pechschwarzes Haar zierte das Haupt des Gwath, das sich über die breiten Schultern ergoss. Seine stechend schwarzen Augen blickten sich in der Zelle um und Vinyan sah den Ekel in ihnen deutlich.  

»Ich nehme mich des Verräters gerne an, Vinyan, mein Freund«, antwortete der Gwath.  

Es war nicht so, als hätte Vinyan nie zuvor erlebt, wenn sich der König oder seine Helfer einen der ihren zum Opfer auserkoren hatten. Dennoch erschauderte er und wich aus der Zelle hinaus in den Gang, als der Gwath vortrat, die Arme erhob und Adam in sich aufzunehmen schien. Rund um die gebückte Gestalt Adams breiteten sich Schatten aus, tiefe Schatten, sich bewegende Schatten. Sie griffen nach Adam, zogen ihn zu sich und mit hinein in das Feuer, das für einen Moment aufloderte, bevor es erstarb.  

»Die Schatten holen dich, die Schatten lehren dich, die Schatten töten dich«, flüsterte Vinyan und wollte die Zellentür schon schließen, als ihm auf dem Boden ein glitzernder Gegenstand auffiel. Er trat näher und bückte sich. Es war eine silberne Kette mit einem aufwendig gestalteten Anhänger. 

Er hatte Adam die Kette kurz nach dessen Wandlung geschenkt, an dem Tag, an dem er ihn offen zu seinem Sohn erkoren hatte. Ein bitteres Lachen löste sich aus seiner Kehle, als er den Anhänger betrachtete. Er zeigte Ikarus, wie er mit breit geöffneten Flügeln zur Sonne emporstieg.  

»Die Gier brachte auch dich zu Fall.« 

 

 ***

 

»Vinyan? Vinyan!« 

Die leise Stimme an seiner Seite riss ihn aus seinem Traum. Vor dem ausladenden Fenster hatte die Welt längst die Dunkelheit der Nacht angenommen und wie in seinem Traum peitschte der Regen gegen die Scheiben und Blitze zuckten über den Himmel. Noch zwischen Traum und Realität gefangen, blickte sich Vinyan im Raum um. Im Kamin seines großen Schlafgemachs glühten nur noch die kläglichen Überreste des Feuers vor sich hin und vermochten es nicht, den Raum zu erhellen. 

Er erhob sich, gerade so, dass er die Schublade des Nachtschranks erreichte, und zog sie auf. Im Licht eines Blitzes funkelte das Silber der Kette. Ikarus. Seit Adams Tod hatte er nur einen weiteren Sohn angenommen und ihm die Kette überreicht. Lucian war tot. Getötet in diesem unsinnigen Krieg des selbst ernannten Königs, der die alte Gemeinschaft und deren Regeln nicht akzeptierte. War es die Kette, die seinen Söhnen den Tod brachte? 

»Vinyan, was ist mit dir?«, fragte die Stimme ein weiteres Mal und brachte ihn endlich dazu, sich ihr zuzuwenden.  

»Was soll sein?« Fragend sah er Mikael an, der, auf dem Ellbogen gestützt, neben ihm auf dem breiten Bett lag. Mikaels schwarze Haare fielen ihm unwirsch über die nackten Schultern und reichten bis zur Matratze. Seine dunklen Augen blickten ihn durchdringend an.  

»Du hast im Schlaf gesprochen und geschluchzt«, erklärte dieser mit kaum hörbarer Stimme.  

Vinyan hob eine Augenbraue. Hatte er das? Die Fetzen des Traums lichteten sich bereits in seinem Kopf und er spürte, wie die Traumbilder seiner Erinnerung entglitten. In wenigen Minuten wären sie nichts weiter, als eine blasse Idee. Ein Gespinst seines Unterbewusstseins, aufgewühlt von den aktuellen Geschehnissen. »Ein Traum, mehr nicht«, wiegelte er schließlich ab und lächelte. Das Lächeln erreichte seine Augen indes nicht. »Wahrscheinlich plagen mich nur die Gedanken an den Trubel, der uns erwartet.« 

Mikael nickte und deutete zum Fenster, vor dem der Wind nochmals an Fahrt aufgenommen hatte. »Ist das der Sturm oder nur das leise Vorzeichen, dass der Orkan noch auf uns wartet?« 

»Ich fürchte, uns erwartet ein Hurrikan«, gab Vinyan seine Befürchtung preis. Es waren nicht einmal sechs Stunden vergangen, seit er von dem neuen Unheil wusste. In den Staaten, in Teilen Europas und Asiens hatten sich die Abtrünnigen des selbst ernannten Königs gegen sie erhoben. War es damals doch ein Fehler gewesen, die fünf Häuser nicht zu vereinen? Hätte ein einzelner König für Ruhe gesorgt? Vinyan bezweifelte es. Doch die jüngeren Vampire, die, für die die Geschichte ihres Volkes nurmehr eine Legende war, bevorzugten einen einzelnen Anführer. Sie hatten den Häusern den Rücken zugewandt und unter sich einen gefunden, den sie für sich nun ihren König nannten. Es waren die Abtrünnigen. Sie lehnten die alten Gesetze und Regeln ab, wollten nicht länger im Verborgenen leben und die Macht, die ihrer Unsterblichkeit innewohnt, ausleben.  

Waren es in den vergangenen Jahren nur vereinzelte Übergriffe gewesen und hatten die Häuser die Abtrünnigen rasch ausfindig und unschädlich machen können, so waren ihnen in den letzten Monaten beachtliche Schachzüge gelungen. Dieses Mal jedoch hatten sie einen wahren Coup erreicht. In zahlreichen Städten hatten sie die Niederlassungen des Volks zerstört, mit sterblichen Söldnern Jagd auf die den Gwathin angeschlossenen Vampire gemacht und sie getötet. Etliche niedere Vampire waren gestorben, auf beiden Seiten. Doch der Anschlag direkt auf die Häuser und die damit verbundenen Toten war ein Zeichen. Den Abtrünnigen musste bewusst sein, dass ein solcher Akt mehr Eindruck erzielte, als einzelne tote Niedere oder gar Gwathin. Sie hatten ihren Feind ins Mark getroffen. In diesem Augenblick waren Überlebende aus Louisiana auf dem Weg nach Schottland. Ein neuer Krieg war nicht länger undenkbar.   

»Wie hat der König reagiert?« Dass er nicht den Führer der Abtrünnigen, sondern den König der Gwath meinte, wusste Vinyan. 

»Ruellas war nicht angetan von den neuen Ereignissen. Er erwartet, dass wir uns zusammenfinden und für Ruhe sorgen. Was der König sagt, weiß ich nicht. Er schickte wieder einmal seine Lakaien.« 

»Das klingt nach Ärger.« 

Vinyan nickte und strich Mikael zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Vinyan war überrascht gewesen, als sein Telefon geklingelt und er Ilians Stimme gehört hatte. Er selbst kannte den Vampir nicht, doch hatte Lucian ihn als Berater sehr geschätzt. »Sonderlich überrascht klang er dennoch nicht.«  

»Er war schon damals sonderbar wohl informiert. Ich habe nie verstanden, weshalb Lathan ihn nicht in der Schlacht um die Salzfelder tötete und ihm später zum Thron verhalf.« Mikaels Hand fand die Vinyans und zog ihn näher zu sich.  

»Frage ihn, sobald er hier eintrifft. Die Fünf«, erklärte Vinyan und betrachtete Mikael genauer, dessen Augen nicht nur vom schwachen Schein des Kaminfeuers aufloderten. Wie auch er zählte Mikael zu den Fünf. Sie hatten bereits als Gwath Seite an Seite gekämpft, unter den Sterblichen gelebt, als in Ägypten gerade Steinquader aufeinandergeschichtet und zu monumentalen Bauwerken errichtet wurden, waren zwischen den Welten gewandelt und hatten sich mit Lathan, Rayk und Kartanes entschlossen, das Ritual durchzuführen. Seitdem lebten sie dauerhaft unter den Menschen, mal in unmittelbarer Nähe zueinander, mal weit voneinander getrennt. Sein eigenes Haus in den schottischen Highlands zählte insgeheim zum Stammsitz der Gwathin, wenn sie auch nicht alle ständig vor Ort waren.  

»Ich glaube, ich verzichte. Lathan ist ... recht ungehalten, spricht man ihn auf die Schlacht an«, scherzte Mikael antwortend auf Vinyans Vorschlag. »Er wird die Neuigkeiten gerne hören. Endlich etwas gegen die Abtrünnigen zu unternehmen, trifft sicher seinen Geschmack.« 

»Wir werden sehen, was uns erwartet. Lassen wir uns erst einmal überraschen, was geschieht, wenn unsere Gäste kommen.« Zärtlich durchkämmte er mit seinen Fingern Mikaels Haare. Er und Mikael, sie waren reine Gegensätze. Mikael trug seine Haare stets lang, bevorzugte edle Kleidung und führte seit einigen Jahrhunderten gewisse Etablissements. Seit die Welt aufgeschlossener geworden war und Clubs weithin akzeptiert wurden, konnte sich Mikael voll und ganz austoben. Suchte jemand nach Abwechslung, wandte er sich an Mikael. Für Vampire und Sterbliche gleichermaßen bot Mikael Unterhaltung, die ihresgleichen suchte. Vinyan hingegen erinnerte mit seinen aktuell kurzen und weißblonden Haaren, der lässigen Kleidung, die er so schätzte und seinem Musikgeschmack eher an einen in die Jahre gekommenen Punk. Doch wusste auch er die Ablenkung, die Mikael bot, zu schätzen. Nicht unbedingt in dessen Clubs, eher innerhalb seiner eigenen Räumlichkeiten.  

»Ist Rayks Junge nicht auch unter den Gästen?«, wollte Mikael wissen und grinste Vinyan frech an. »Ich habe ihn damals nur kurz gesehen, doch was ich sah, war nicht schlecht.« 

»Diesen Gedanken solltest du dir rasch aus dem Schädel schlagen«, warnte Vinyan ihn und zog kurz an der Haarsträhne, die er in der Hand hielt. »Geht es um den Jungen, kennt Rayk selbst vor den Fünf keinen Halt.« Er erhob sich ein Stück und beugte sich über Mikael. Dabei fiel die leichte Decke, die zuvor noch seinen Rücken bedeckt hatte, von ihm herunter. Der Schimmer in Mikaels Augen kam nun eindeutig nicht vom Feuer. Offenbar dachte auch er an Ablenkung.  

»Das werden wir sehen.« Mikael legte sich zurück mit dem Rücken auf das Bett. »Das Thema möchte ich jetzt aber nicht hören. Die Probleme holen uns früh genug ein, und wenn ich schon einmal in deinem Haus bin, sollten wir die Zeit nutzen.« 

Vinyan seufzte. Nach dem Anruf aus New Orleans, den Berichten von weiteren Angriffen und dem Gespräch mit Ruellas klang Mikaels unausgesprochener Vorschlag wirklich nicht schlecht.  

»Für den Anfang könntest du deine Klappe halten. Dein Mund gefällt mir eigentlich mehr, wenn du ihn geschlossen hältst«, ging er schließlich auf dessen Anspielung ein, hockte sich über ihn und stemmte seine Hände seitlich von Mikaels Kopf auf die Matratze.  

»Das ist mir neu. Vor wenigen Stunden fandest du ihn weit geöffnet noch bezaubernd, wenn ich dich erinnern darf«, entgegnete Mikael, schob seine rechte Hand in Vinyans Nacken und zog ihn zu sich herunter. »Oder ... steht dir der Sinn nach anderen Spielchen?« 

Die Hand in seinem Nacken, die sich nun in seine Muskeln krallte und ihn leicht an den kurzen Haaren zog, ließ Vinyan aufkeuchen. Dieser Kerl schaffte es noch eines Tages, dass er sich komplett vergaß. Augenblicklich ging Mikael ihm jedoch eindeutig zu weit. »Ich entscheide«, erwiderte Vinyan und gab seinen Gefühlen nach. Seine Augen hatten längst den roten Schimmer angenommen, der auf Durst, Erregung oder auch Wut hinwies. Bei ihm kamen gerade alle drei Gefühle zusammen. Sein Blick fiel auf Mikaels Hals. ›Dieser Mistkerl.‹ Mikael hatte seinen Kopf zur Seite geneigt und präsentierte Vinyan großzügig seine Halsschlagader.  

Er gab seinem Hunger nach, legte seine Hände um Mikaels Oberarme und presste den Vampir auf die Matratze. Im gleichen Moment versenkte er seine Zähne in dessen weiche Kehle, das leise Aufkeuchen Mikaels ignorierend. Nachdem er seinen ersten Hunger gestillt hatte, ließ er von ihm ab und blickte in die dunklen Augen, die jede seiner Bewegung aufzusaugen schienen.  

»Du denkst heute nicht an sanfte Spielchen«, stellte Mikael fest. Sein Biss war schmerzhaft gewesen, doch wusste er, dass Mikael solche Nächte durchaus schätzte.  

»Sieht nicht so aus. Es stellt sich nur die Frage, wie weit du zu gehen bereit bist.« 

Die Antwort folgte nicht direkt. Vinyan spürte, wie Mikaels Gedanken kreisten. Dachte er immer noch an den einen Tag, an dem er die Linie überschritten hatte? Als, beeinflusst von ihrem Streit, seine Wut in Mikael ein Ventil gefunden hatte? »Du entscheidest«, gab er die Richtung schließlich vor, rutschte von Mikael herunter und legte sich neben ihn auf das Bett.  

»Wie du willst.«