Nicht korrigierte Leseprobe

Verloren - Im Sog der Gwathin

Kapitel 3 - Der in den Schatten

 

›Feuer, Feuer, heiß und hell. Es erwärmt, es erhellt, es erzürnt. Und ist es vergangen, bedeckt Asche das Feld. Unter Schnee und Eis die Asche versinkt, im Frühjahr dann neues Leben beginnt.‹ 

War es nicht merkwürdig, dass ihm ausgerechnet jetzt die Strophe aus dem alten Lied einfiel? Wie lange hatte er diese Worte nicht mehr vernommen? Und doch, es passte zu der jetzigen Situation. Vor ihm breitete sich ein Schauspiel aus, das ihn mit tiefer Genugtuung erfüllte, wenn auch Leben hier ihr Ende fanden und keine Hoffnung auf das einsame Samenkorn bestand, das bald schon austreiben würde. 

Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. War es nicht wunderschön? Das Chaos, die Schreie, die die Nacht durchdrangen. Was ihn jedoch vielmehr verzückte, war das Feuer. Es hob sich hart von der finsteren Nacht ab, züngelte an den hölzernen Fassaden des Hauses, umspielte die großen Säulen, die den Balkon über der Veranda stützen. Erstaunlich, welche Pracht aus alten Glasflaschen entstehen konnte. Die Sterblichen hielten sie für Abfall, er bezeichnete sie als gläserne Wunder.  

Zuerst waren es nur zwei kleine Brandherde gewesen. Mit geübten Würfen durch die Fenster des Hauses geworfen, hatten es die Molotowcocktails vollbracht, dieses Schauspiel heraufzubeschwören. Rasch fanden die Brandbomben Nahrung im Inneren des Hauses und die Flammen breiteten sich aus. Mittlerweile könnte er, wüsste er nicht, wo die ersten Brandflaschen eingeschlagen waren, nicht einmal mehr sagen, wo die Brände ausgebrochen waren. Der hintere Teil des großen Farmhauses brannte lichterloh. Die nicht von Steinen und Geschossen zerschlagenen Fenster waren längst in der Hitze geborsten. Das war der Augenblick gewesen, der ihn wirklich begeistert hatte. Kaum waren die gläsernen Barrieren gefallen, suchten die Flammen nach Sauerstoff. In ihrem Bestreben, sich auszubreiten, leckten sie aus den Fenstern, griffen in die Höhe und fraßen sich an der weiß gestrichenen Holzfassade des Hauses entlang nach oben.  

Im vorderen Teil des Hauses sah es nicht besser aus. Im Gegenteil, hier trieb das Feuer ein perfides Spiel und wanderte förmlich ins Obergeschoss hinauf. Zugegeben, eine weitere Brandbombe, die das Treppenfenster getroffen hatte, half den Flammen bei ihrem Übergriff. Nun hielt es längst die Vorhänge und Wandteppiche in seinem Griff und breitete sich auf das gesamte Haus aus.  

Er lehnte sich mit der Schulter gegen den Baum, der dicht dem Waldrand stand. Er hatte die beste Position gewählt. Die kleineren Feuer im Garten brachten genügend Helligkeit und würden jeden blenden, der vom Haus zum Waldrand herüber sah. Von Kopf bis Fuß in schwarze Kleidung gehüllt, die große Kapuze seiner Jacke tief ins Gesicht gezogen, verschmolz er fast mit der dunklen Rinde des Baumes. Niemand würde ihn erblicken, er jedoch konnte selbst kleinste Details ausmachen.  

Wie jetzt gerade. Schmerzerfüllte Schreie zogen seine Aufmerksamkeit zu einem sich bewegenden Schatten, der aus dem Fenster des Obergeschosses stürzte. Sein Lächeln wurde breiter, als er die lodernde Kleidung des Schattens erkannte, der sich wild auf dem Rasen wälzte. Wie schade, dass die jungen Vampire Feuer kaum etwas entgegenzusetzen hatten. Die Flammen würden sich bei ihm Napalm gleich durch die Kleidung fressen, die Haut treffen und sich durch sie hindurch arbeiten. Die älteren Vampire dieses Hauses würden den Flammen nicht zum Opfer fallen. Sie würden verletzt, vielleicht schafften seine Söldner es, einige von ihnen zu töten. Doch sollten sie ruhig leben. Diese Nacht würden sie so schnell nicht mehr vergessen. 

 »Herr?« 

Für etliche Atemzüge ignorierte er die Person an seiner Seite, während er seinen Blick auf das Haus gerichtet hielt. Er hatte das Kommen des Vampirs gespürt, bevor dieser auch nur bei ihm stehen geblieben war. Geduld, Demut und Gehorsam waren die Tugenden, die er von jedem in seiner Umgebung erwartete.  

»Sieh sie dir an. Geben sie sich sonst herrisch und arrogant, stürzen sie nun übereinander wie aufgescheuchte Karnickel.«

»Herr, hinter dem Haus gibt es Kämpfe. Sollen wir die Sterblichen unterstützen? Ich fürchte, sie werden unterliegen.«

Jetzt erst wandte er sich dem Vampir zu und musterte ihn. Etwas, was seinem Gegenüber nicht möglich war, so tief war sein eigenes Gesicht in Schatten gehüllt. Der Vampir, Rocic, wenn er sich nicht irrte, war eine kleine stämmige und aufgedunsene Kreatur. Offen gestanden ekelte es ihn, wann immer sich Rocic in seiner Nähe aufhielt. Dessen Kleidung war speckig, das Haar fettig und von ihm ging ein Geruch aus, der keinem Vampir, sondern nur wenigen des sterblichen Abschaums anhaften sollte.  

»Wie es der Plan ist«, gab er endlich eine Antwort, nur, um im nächsten Moment eine unwirsche Bewegung mit der Hand auszuführen. »Die Söldner sollen sterben. Überlebt eine der Kreaturen, tötet ihr sie.« 

»Sie sind auf unserer Seite. Ich dachte ...« 

»Es sind erbärmliche Sterbliche, die für uns arbeiten. Nicht mehr. Befehlige deine Männer, töte die überlebenden Söldner und zieht euch zurück.«

Unter seiner Kapuze beobachtete er, wie Rocic ihn musterte. Er konnte förmlich spüren, wie die langsamen Zellen in dessen Gehirnwindungen Fahrt aufnahmen und seine Worte zu begreifen versuchten. Was offenbar nicht gelang, denn er öffnete schon wieder den Mund.  

»Wir zahlen die Söldner. Einige meiner Männer sind nicht erfahren genug, um es mit den Clanvampiren aufzunehmen. Wir brauchen die Sterblichen«

Er widerstand dem Drang, den Dolch aus seinem Ärmel zu ziehen, um Rocics Visage ein neues Antlitz zu verpassen, nur mühsam. Er wandte sich wieder dem brennenden Haus zu und betrachtete die Szenerie. Mittlerweile leckten die Flammen ausgestreckten Armen gleich aus dem Dachstuhl und die rechte Hausseite wirkte, als wolle sie jeden Augenblick einstürzen. Die Gartenanlage war verwüstet, der einst prächtige Brunnen, der die Auffahrt zierte, lag in Trümmern. Tote, Verletzte und brennende Gestalten lagen auf dem Rasen oder gingen in Kämpfen zu Boden. Ihre Aufgabe war beendet. 

»Tötet die restlichen Söldner und verschwindet. Um den Rest kümmere ich mich.« 

Endlich nickte Rocic und setzte sich in Bewegung. Er betrachtete dessen Abgang. In wenigen Minuten würde von ihrem Angriff nicht mehr übrig sein, als eine Spur der Verwüstung. Erfreut schob er seine Hände in die Jackentaschen, lehnte sich lässig zurück an den Baum, um sich erneut dem tosenden Schauspiel hinzugeben. In seinem Kopf hörte er nicht nur die Schreie, das Rauschen der Flammen und das Zerbersten von Holz. Nein, er vernahm beinahe den Applaus des unsichtbaren Publikums, das dem Stück durch seine Augen beiwohnte.  

Nur noch wenige Minuten blieben ihm, bis auch er sich zurückziehen musste. In der Tat, ihre Aufgabe hier war beendet und mit ihr unzählige andere in der ganzen Welt.  

»Euer Wort, Euer Befehl«, flüsterte er, schloss die Augen und sog die kalte Nachtluft tief in seine Lunge. Er hustete nicht ob des stechenden Rauches, ihn kümmerte der beißende Gestank nicht. Mit der rechten Hand umfasste er in der Jackentasche einen kleinen Stoffbeutel. Er zog die Hand heraus, öffnete mit geschlossenen Augen den Beutel und ließ den Inhalt zu Boden fallen.  

»Gwathi á ninrach tu.« 

Das Feuer vor ihm gewann ein letztes Mal an Intensität, fauchte in der kühlen Luft und verlor dann seine Kraft. Die noch lebenden Sterblichen fielen mit dem Ersterben des Feuers zu Boden, krümmten sich vor quälendem Schmerz und blieben regungslos liegen.  

»Mit einem Gruß des Königs.« Er führte eine knappe Verbeugung aus und verschwand in der Dunkelheit.